Die Krankheitserfinder - Wie wir zu Patienten gemacht werden

      Die Krankheitserfinder - Wie wir zu Patienten gemacht werden


      Passend (hoffentlich) zum aktuellen Krankenkassen-Thread hier also wie dort angekündigt die Buchvorstellung (vom 27.11.2003) "reloaded":

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      Jörg Blech: Die Krankheitserfinder. Wie wir zu Patienten gemacht werden. FFM 2003, ISBN 3-10-004410-X, € 17,80. (Blech hat zum gleichen Thema im August d.J. die Titelstory im Spiegel geliefert.)

      Das Buch beginnt (wie der Spiegel-Artikel) mit der Schilderung des Theaterstücks "Knock oder der Triumph der Medizin" von 1923, in dem ein gerissener Arzt ein ganzes Dorf kerngesunder Bauern durch entsprechende "Aufklärung" zu Patienten macht. - Viel Zeit zum Lachen bleibt einem nicht, denn unversehens findet man sich in der Realsatire unseres "Gesund"heitswesens wieder.

      Leiden nicht auch Sie gelegentlich unter Müdigkeit, schlechter Laune oder Unlust? Hapert es zuweilen an Ihrer Konzentration? Sind Sie schüchtern?

      Wer könnte solche Fragen nicht bejahen. Glücklicherweise haben die Krankheitserfinder - Pharmaindustrie, Ärzte und Interessenverbände - bereits die passenden Krankheitsbilder definiert und - vor allem! - die Gegenmittel parat. Meist ist zuerst die Pille da - oft ein zweckentfremdetes bereits eingesetztes Medikament - dann wird ein passendes Krankheitsbild dazu erfunden. Ob Sissi-Syndrom, Paradies-Depression oder soziale Phobie (früher als Schüchternheit bezeichnet), dem Erfindungsreichtum der Gesundheitsindustrie sind keine Grenzen gesetzt. Die Symptome werden absichtlich so allgemein beschrieben, dass praktisch jeder sagen kann: 'Mensch, das bin ja ich!'

      Da Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente beim Endverbraucher verboten ist, wird dieser mit "Disease-Awareness-Kampagnen" weichgeklopft: So rät z.B. Fußballstar Pelé: "Angst und Befangenheit halten viele Männer davon ab, mit ihrem Arzt über Erektionsprobleme zu sprechen." Das Wort "Viagra" kommt in der Anzeige nicht vor. Man rechnet damit, dass die Botschaft auch so beim Endkunden ankommt und er von sich aus den Arzt anspricht und zu einer Verschreibung veranlasst.

      Damit auch ja niemand der medizinischen Fürsorge entkommt, tuckert man schon mal mit einem "Osteoporose-Forschungsmobil" durch die Lande und fängt Frauen über 60 zur "eingehenden Vorsorgeuntersuchung" mit Knochendichtemessung ein.

      Wie herumziehende Medici und Quacksalber im Mittelalter gehen heute Krankheitshändler regelrecht auf die Jagd nach Patienten. Dass sie allerorten scheinbar kranke Menschen auftun, das liegt in der Natur der Sache. Die Deutschen sind zwar munter und langlebig wie niemals zuvor in der Geschichte des Landes. Bloß: Den Normen der modernen Heilkunde genügen die gesunden Germanen dennoch nicht. Die medizinischen Risikofaktoren sind nämlich bewusst so festgelegt, dass jeder Mensch irgendetwas haben kann. ...
      Ein gesunder Mensch würde das ganze System ruinieren - also braucht er eine Diagnose.

      Durch Erweiterung von Krankheitsbildern - wie z.B. bei der Osteoporose 1993 durch die WHO - werden Millionen von beschwerdefreien Menschen plötzlich zu behandlungsbedürftigen Patienten erklärt. Natürliche Vorgänge wie Pubertät, Menstruation, Schwangerschaft, Menopause und Alter können nur noch mit Hilfe der Gesundheitsindustrie bewältigt werden. Besonders eklatant ist die Ãœberversorgung bei Schwangerschaft ("Mit der Dichte der Praxen steigt der Anteil von Risikoschwangerschaften.") und bei den Wechseljahren der Frau - ein Viertel aller Frauen in der Menopause werden mit Hormonersatztherapie behandelt, obwohl deren Schädlichkeit inzwischen in mehreren Studien nachgewiesen wurde. Neue Märkte verspricht die "Entdeckung" der Wechseljahre des Mannes, und umgekehrt wird fleißig an einem "Viagra" für Frauen gebastelt.

      Nachdem Blech umfassend die Krankheit unseres Gesundheitssystems beschrieben und analysiert hat, nennt er fünf "Therapien, mit denen man dem Syndrom der Krankheitserfinderei beikommen kann." Ob es dafür genügend Interessenten gibt, wird sich zeigen müssen.

      Vielleicht könnten aufgeklärte Patienten ja ein wenig daran mitwirken, wenn sie sich dieses sehr lesenswerte Buch zu Gemüte geführt haben.

      Unser Wissen ist ein kritisches Raten; ein Netz von Hypothesen; ein Gewebe von Vermutungen!
      Karl Popper
      Das hört sich super interessant an queenie, danke!

      Kleiner Tipp übrigens an alle, die bei Buchticket sind: das Buch gibt es dort in ausreichender Menge für nur 1 Ticket, dummerweise habe ich nur keins mehr! :§$%
      Liebe Grüße,
      Schelmine

      Eigentlich bin ich sehr hübsch; das sieht man nur nicht so.
      :zopf
      Ich habe mal einen ähnlichen Artikel in der Weltwoche gelesen, und insgesamt bin ich auch der Meinung, dass die Medizin oftmals Kranke "erschafft". Und weil das so ist, rennen auch extrem viele Leute wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt. Ich persönlich kann z.B. nicht verstehen, warum jemand mit einer Erkältungsgrippe einen Arzt aufsuchen muss. Oder auch nicht, warum oft mehrmals zu einer Nachuntersuchung muss, obwohl ein Patient in gewissen Fällen doch selber beurteilen kann, wie es ihm geht.

      Doch man darf - meines Erachtens - die heutige Situation nicht einfach mit *früher* verlgeichen.
      Denn früher litten wirklich viele Menschen vor sich hin, und ihre Lebensqualität war enorm eingeschränkt, und da sagte man halt: Pech gehabt! Unser Geld reicht nicht für eine Behandlung! Oder - es gab noch gar keine Behandlung für viele Leiden.


      Und diese Aussage hier, Queenie, finde ich etwas befremdlich:


      ...dann wird ein passendes Krankheitsbild dazu erfunden. Ob Sissi-Syndrom, Paradies-Depression oder soziale Phobie (früher als Schüchternheit bezeichnet)...

      Verzeih, aber da fehlt dir wirlkich ein wenig Fachwissen. Denn z.B. eine Soziophobie ist nun wirklich nicht dasselbe wie Schüchternheit. Oder hältst du es für schüchtern, wenn man in einem halbvollen Bus Schweissausbrüche und Todesängst bekommt? Ich nicht.
      Aber ich weiss schon, was du damit sagen willst!

      Es gibt nun mal diese Schubladisierungen. Und fast jeder Arzt hat heutzutage das Bedürfnis, seinen Patient einer Krankheit zuzuordnen. Und da kann es durchaus vorkommen, dass Leute wirklich nur schüchtern sind und dennnoch den Stempel als "Soziophobiker" aufgedrückt bekommen. Aufgrund dessen aber zu sagen, Krankheiten wie Soziophobie gäbe es nicht, geht natürlich viel zu weit.


      Grüssle, :)
      Nikka, die nun neuerdings viel mehr Arztkosten selber übernimmt und dafür monatlich weniger Prämie zahlt


      Durch die gleiche Tür schreitet doch jeder in eine andere Welt.
      (Kurt Haberstich)
      Super Buchtipp, danke. Werde ich als nächstes lesen. Nachdem ich nun ausführlich darüber gelesen habe,
      wie wir bei der leider notwendigen Nahrungsaufnahme nach Strich und Faden verarscht werden, lerne ich daraus nun besimmt,
      warum uns jeder Hasenfurz krank macht. Lecker, freu....
      nikka... darf ich kurz klugscheissen? ;)


      ich machs einfach mal... ne Soziophobie ist was Grundlegend andres, wie eine soziale Phobie.

      Die Soziale Phobie ist die dauerhafte Angst vor sozialen Begegnungen mit anderen Menschen und vor allem vor der Bewertung durch andere.

      Währen Soziophobie eine Angsterkrankung ist...

      ok.. zuviel kluggeschissen ;)
      ich revidiere:
      onlineberatung-therapie.de/sto…/phobien/soziophobie.html
      Böse, böse Hydranten!

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