Zwischen Wanne-Eickel und New York

      Zwischen Wanne-Eickel und New York

      Es ist 6 Uhr morgens - Zeit aufzustehen.
      Ich blicke neben mich. Mein Mann liegt halbtot im Bett. Er ist schwerstens erkältet. Ich glaube, er wird durchkommen.
      Gott sei Dank ist es noch so früh, ich habe noch ein paar Minuten für mich um wach zu werden, meinen Kaffee zu schlürfen und meinen Tagesablauf nochmal im Kopf durch zu spielen. Vielleicht reicht die Zeit noch für die Tageszeitung.
      "Maaaaaaaaaama."

      Ah, das Nachtgespenst ist wach. Good bye Kaffee und Zeitung. Auf in den Tag.
      Schon unter der Dusche wird mir klar, dass es kein guter Tag werden kann. Das Wasser wird nicht warm, das Shampoo läuft mir in die Augen und ich schneide mich mit dem Rasierer.
      Wofür mache ich das alles?
      Ich will mal ganz groß rauskommen, reich und berühmt werden.
      Als was?
      Natürlich als Fotomodell. Warum sonst sollte man mitten in der Nacht aufstehen? Und das noch am Wochenende, wo andere um die Zeit mit Brötchen von der Disco heim kommen.
      Das Nachtgespenst schreit nach Frühstück.
      Ich hetze mich also unter der Dusche ab, versorge meine blutenden Wunden und hoffe, dass keine Kruste über bleibt; die sehen auf den Fotos immer besonders schlimm aus. Mit meinen Augen muss auch etwas passieren. Von der Shampoo-Aktion sind sie ganz dick und geschwollen.
      Ich stürze zum Kühlschrank, mache dem Nachtgespenst ein Brot mit einem gekühlten Löffel und haue mir eine Scheibe Wurst auf die in Mitleidenschaft gezogenen Augen.
      Moment…
      Sch**** irgendwas ist da verkehrt gelaufen.
      Schnell ins Bad, Gesicht waschen, dem Nachtgespenst unter Protest und Gebrüll den Löffel vom Brot reißen und neu belegen.
      Da steht der Mann in der Tür, wach geworden durch das Gespenstergeschrei.
      Ich bin nicht mehr sicher ob er durchkommt. Sein Fieber ist auf sagenhafte 37,2 Grad angestiegen.
      Er muss durchhalten, schließlich muss er mich zum Shooting fahren und danach auf die Kleine aufpassen. Wird schon werden….

      Ich bin fertig. Ich habe meine Sachen an (richtig herum), meine Reisetasche ist gepackt und es wird auch langsam Zeit, wir können los.

      „Schaaahhhatz, wir kööööönnen“. Keine Antwort. „Schaaahhhatz, ich wäre dann soweit“. Wieder keine Antwort. Ich stürze ins Schlafzimmer und was sehe ich? Einen Mann, mehr dem Tod nahe als dem Leben (Fieber bei sagenhaften 37,3 Grad – alle 3 Minuten gemessen) der die Frechheit besitzt mir röchelnd ins Gesicht zu sagen, dass er sich furchtbar elendig fühlt und sich nicht im Stande sieht sein Antlitz zu erheben, gar nicht zu reden vom Auto fahren oder Gespenstersitten.

      Was ein guter Tag.

      Ich hetzte zum Telefon, rufe den Fotografen an: „Es wird 1 Stunde später, ich erklär Dir alles wenn ich da bin“.
      Schnell das Gespenst anziehen, dass so langsam menschliche Züge annimmt, eine Tasche mit Spielzeug packen (ich hab ja noch nicht genug zu schleppen) und schnell anziehen. Jacke, Schal, Mütze alles da, Taschen schnappen und schnell zum Bus, wir haben noch 3 Minuten.

      An der Ecke angekommen fährt der Bus an uns vorbei. Wenn wir rennen schaffen wir es.
      Ich schwinge also die schwere Reisetasche auf meinen Rücken, klemme mir den Kosmetikkoffer unter den Arm, nehme der Kurzen ihren Rucksack ab, schnappe mir ihre Hand und sprinte sie hinter mich her schleifend los.

      Der Busfahrer ist entweder ein ********* oder will auch Model werden und hat keinen guten Tag. So schnell kann ich gar nicht bremsen wie der Bus uns direkt vor der Nase wegfährt.
      Also setzen wir uns für eine halbe Stunde hin und warten auf den nächsten Bus. Es ist eiskalt, aber durch das Gerenne läuft mir der Schweiß den Rücken runter, alles pappt an mir und meine Haare finden das auch nicht grad toll, selbst die kletschen sich an mich. Ich hätte mir das duschen sparen können.
      Ich bin sauer.
      Ich sollte den Fotografen anrufen und ihm sagen, dass es noch später wird, aber ich habe mein Handy vergessen.

      Nach unendlichen 30 Minuten kommt endlich der nächste Bus und wir fahren zum Bahnhof.
      Dort angekommen fährt uns – wie sollte es auch anders sein – natürlich auch noch der Zug davon.
      Ich stehe kurz vor einem Schreikrampf und will eigentlich nur noch nach Hause.
      Auf meiner Schulter sitzen Engel und Teufel und diskutieren wild über die Vor-/Nachteile vom Heim fahren. Der Engel gewinnt. Man will ja schließlich reich und berühmt werden.
      Ich quetsche mich also schnell in eine dieser furchtbar miefigen, vollgepinkelten Telefonzellen, zupfe ein Tempo aus meiner Jackentasche und umwickle damit den Hörer. Mit riesen Ekel berühre ich die Ziffern und wähle die Nummer.
      Der Fotograf ist stinksauer – ich kann es verstehen. Ich versuche ihn zu beschwichtigen. Dass ich mein Kind mitbringe lasse ich mal beiseite. Wir wollen ja nicht gleich übertreiben; fallen die SM-Bilder halt heute aus, wir können sicher auf Portraits ausweichen.

      Ich glaube, der Tag könnte doch noch gut werden. Der Zug kommt, wir fahren gemütlich Richtung Shooting, unterhalten uns und essen ein Brötchen. Langsam kommt die Sonne aus den dunklen Wolken und gleich sieht die Welt fröhlicher aus.
      Am Zielbahnhof angekommen machen wir uns zu Fuß auf den Weg zum Studio. Es sind nur 20 Minuten zu laufen, das schaffen wir 2 Frauen doch locker. Ich liebe meine Ironie. Sie mich auch ein bisschen.

      Da stehen wir vor dem Studio und mir wird doch ein wenig mulmig. Immerhin kenne ich den Fotografen noch nicht persönlich und weiß nicht wie schlimm nun die ganze Verspäterei wirklich für ihn ist.

      Dingdong. Nun gibt es kein zurück mehr.

      Ein genervter aussehender Fotograf öffnet die Tür und raunzt ich solle rein kommen. Das menschlich aussehende Gespenst sieht er hinter den 1000 Taschen gar nicht. Na das kann ein Spaß werden.
      Ich setze mich auf das Sofa und stammel erstmal etwas von „Entschuldigung“ und versuche alles zu erklären. Mann liegt quasi im Sterben, Kind kann unmöglich dabei sein und er kenne das doch sicher auch.
      Nein, er kennt das nicht.
      Er ist sauer. Er mag keine Kinder und erst recht keine Portrait Aufnahmen.
      Schöne *******e.
      Ich lasse mich also dazu überreden doch die geplanten Bilder zu machen. Das kleine Gespenst kann derweil im Nebenraum Türmchen bauen.
      Liebe Grüße
      Stephie


      Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht? Wie wäre es mit heute?
      Der Fotograf hat als erstes geplant Aktbilder zu machen mit einem Schwert. Wow, tolle Idee. Das sieht bestimmt ganz, ganz toll aus. Da ist sie wieder, meine Ironie.
      Ich zieh mich also aus, versuche dezent meine Unterwäsche-Abdrücke zu verstecken und lasse mir vom Fotografen ein Schwert in die Hand drücken. Da ich schon 3 Shootings hatte weiß ich natürlich was ich zu tun habe und pose wild herum. Irgendwie gefällt es dem Fotografen aber wohl nicht und er gibt mir die Anweisung mich frontal zu ihm zu stellen und das Schwert in beide Hände zu nehmen. Rechte Hand an den Griff, linke an die Schneide.
      Klack, Klack, Klack die ersten Bilder sind im Kasten. Ich soll die linke Hand nun etwas höher rutschen lassen.
      Uhaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa
      Blut spritzt, Tränen steigen mir in die Augen, Sternchen – überall.
      Er hat vergessen zu sagen, dass es scharf ist.
      Er hat vergessen zu sagen, dass es scharf ist.
      ER HAT VERGESSEN ZU SAGEN, DASS ES SCHARF IST????????????????????????????

      Ich wackle auf Puddingbeinen zum nächsten Stuhl und lasse mich darauf fallen. Mir wird übel, ich kann kein Blut sehen. Wir machen eine Pause – ich danke ihm dafür von ganzem Herzen.
      Nach ein paar Minuten hat es aufgehört zu bluten, dafür tut es immer mehr weh. Der Schnitt ist nicht lang, aber tief. Es klafft. Ich hasse klaffendes. Was ein Tag. Das Gespenst sitzt weinend neben mir, Mama hat Aua, das ist nicht gut. Ich versuche sie zu beruhigen, dass der Mann nicht böse ist, es war ein Versehen, Mama geht es blendend. Ahh da ist das Zahnarztlachen auch schon wieder. Was tut man nicht alles für sein Kind.

      Nachdem die Kleine wieder im Nebenzimmer zugange war legten wir mit den nächsten Aufnahmen los. Peitsche hier, bös gucken da, so tun als ob… eine tolle Idee jagte die nächste - Huhu liebe Ironie.

      Nach 2 Stunden machen wir eine Pause. Nur noch 6 Stunden. Jippieeee.
      Ich liebe diesen Job.
      Wir trinken einen Schluck, er raucht Zigarre und spricht kein Wort mit mir.
      Meine Gedanken fahren Karussell. Ist er noch sauer? Redet er einfach nicht gern? Ist er unzufrieden mit mir? Hmm, naja seine Bilder sind auch nicht die tollsten. Naja, Hauptsache die Kohle stimmt. Ich nutze meine Pause um mein Kind zu bespaßen. Sie ist quengelig, hat keine Lust mehr, will Heim. Ich auch, aber ich will auch reich und berühmt werden.

      Weiter geht es, mit neuem Elan. Ich bin müde, könnte auf der Stelle einschlafen.
      Wie ich es hasse mit jemandem zu arbeiten dessen Wellenlänge ich nicht teile. Komm mal aus der Nummer wieder raus…

      Ahhh da ist sie. Die nächste tolle Idee.
      Ein Kuscheltier. Ein buntes. Ein Wurm. Ein bunter Wurm als Kuscheltier. Bestimmt 2,5 Meter lang. Ich soll ihn mir zwischen die Beine halten, das wäre eine gute Idee. So langsam zweifel ich an dem Verstand des Fotografen. Was soll daran toll aussehen?
      Egal, ich bin jung und brauche das Geld. Ich will ja auch reich und berühmt werden.

      Nach einer weiteren Stunde ist der Speicherchip voll und der Fotograf will die Bilder auf den Rechner spielen. Schwups ist der falsche Knopf gedrückt und alle Bilder sind gelöscht.
      Ich stehe kurz vor einem Lachanfall und kann es mir so grade eben verkneifen meine Blase mitten im Studio zu leeren. Moment, wäre das nicht auch ein Fetisch? Böseeee Ironie….

      Mein Kind ist derweil auf dem Studiosofa eingeschlafen und sägt wenigstens 50% des Urwaldes ab. Nicht, dass es mich stört, aber ich bin doch etwas in Sorge angesichts des Kinderhassenden Fotografens. Also wecke ich mal lieber die Kleine auf und überrede sie dazu den 43. Turm an diesem tollen Tag zu bauen, damit wir ungestört die letzen Bilder machen können.

      Ich laufe zurück zum Fotografen und was passiert mir? Ich stolpere über das verdammte Schwert und lande der Länge nach auf dem Boden, wobei mein Mund zuerst Kontakt zu selbigem aufnimmt.
      Der Knipser eilt herbei, hilft mir auf und sieht mich besorgt an. Ich würde wieder bluten.
      Wo? Ist doch ok, die Schwertwunde hat doch noch die Kruste drauf.
      Ach wie am Mund?
      Da bemerke ich das Unglück. Es hat mir meinen Zahn raus gefegt.

      Profi wie ich bin lasse ich mir nichts davon anmerken, rede ab sofort nur noch mit der Hand vor dem Mund und „stehe meine Frau“. Fetischbilder gehen auch ohne Zahn.

      Ich hab keine Ahnung wie spät es ist als der Fotograf endlich den schon im Bett am Morgen ersehnten Feierabend verkündet. Ich stecke mein Geld ein, schnappe mir mein Kind und die 1000 Taschen und wir machen uns auf den Weg zum Bahnhof. Sie wissen schon, 20 Minuten, ein Klacks.

      Der Zug ist grad ein paar Minuten weg, also warten wir.
      Wenn alles gut geht sind wir in 2 Stunden daheim. Meine Ironie ist es schon. Ich bin k.o., mir tut alles weh, ich bin genervt. Die Bilder die ich zwischendurch gesehen habe finde ich furchtbar. Ich bin froh, dass ich keinen Vertrag unterschrieben habe – so darf er wenigstens nichts veröffentlichen.

      Die Zeit des Wartens verbringt meine Kleine damit alte Omas anzuquatschen, während ich dasitze und den schnuckeligen Kerl beobachte, der einige Meter von mir steht.
      Hach nun dreht er sich auch noch um. Hübsch isser, jesses. Er sieht mich an, lächelt. Ich sehe ihn an, lächle. Da fällt mir mein nicht mehr vorhandener Zahn ein.
      So ein verdammter ******* Tag.
      Auf der Heimfahrt würdige ich ihm keines Blickes mehr und schäme mich in Grund und Boden.
      Das Gespenst was nun wieder wie ein Gespenst aussieht will mir ein Gespräch aufzwingen, aber ich will den Mund net aufmachen. Es tut weh, meine Hand tut auch weh. Ich will Heim.

      Wir nehmen den Bus, steigen bei uns an der Straße aus, laufen nach Hause.

      Ich freue mich wie ein Schneekönig. Gleich kann ich endlich entspannen. Bei einem warmen Bad, einer Tasse Tee und einem guten Buch. Danach ins Bettchen legen und einen Film sehen und langsam eindösen. Herrlich.

      Wir öffnen die Tür, ich lasse die Taschen fallen und will grade das „ich bin zuhause und hab Feierabend“-Gefühl kriegen als mir mein Mann einfällt, der noch immer scheintot im Bett liegt.
      Auf meine Frage wie es ihm denn ginge öffnet er ein (!) Auge und flüstert mir zu, dass sein Fieber furchtbar angestiegen sei - 37,6 alle 3 Minuten gemessen – rektal. So genau wollte ich es eigentlich nicht wissen.
      Er bittet mich die Kleine etwas ruhig zu stellen, er müsse sich schließlich ausruhen.
      Ach und eine Brühe kann ich ihm doch bitte bringen. Er ist so hungrig. Und wenn ich doch schon mal dabei bin, dann kann ich ja auch noch ein Bad einlassen mit Tetesept.
      Natürlich, ich bin ja kein Unmensch.


      …………………



      ………………………………



      …………………………………………





      Es ist Mitternacht. Ich liege im Bett. Ungebadet, eine mit Blutkrusten verzierte Hand, verschwitzt, ohne Zahn und lasse den Tag Revue passieren.

      Fotomodell ist der absolut falsche Job für mich.

      In dieser Nacht beschließe ich Fotografin zu werden.



      :rolleyes:
      Liebe Grüße
      Stephie


      Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht? Wie wäre es mit heute?

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Stephie“ ()

      Ich habe Tränen gelacht!!! Echt super. Du hast nicht nur das Zeug zur Fotografin, sondern auch zu einer richtig guten Schreiberin. Denk mal über ein Buch nach. Da könntest du beides miteinander vereinen. Wahnsinn.
      Liebe Grüße von der ollen Seekuh :zopf
      *Taschentuch reich* :traurig :D

      Meine Familie und Freunde haben auch immer gesagt "schreib doch mal ein Buch", aber irgendwie stand mir danach bisher nicht der Sinn.
      So Geschichten entstehen super spontan und müssen bei einer Idee dann auch sofort geschrieben werden, weil es sonst nichts wird. Bis da ein Buch voll ist würde es bei mir wohl Jahre dauern :D
      Und was ich bis dahin alles erleben müsste - ist doch in jeder Geschichte auch ein Fünkchen Wahrheit :pfeif :D
      Liebe Grüße
      Stephie


      Wann hast du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht? Wie wäre es mit heute?
      Liebe Stephie
      du bist eine vielseitig begabte Frau, deine Fotos sind einsame Spitze, deine Texte originell und auf alles drauf bist du noch eine tolle Katzenmutter.

      Vielen Dank, dass du uns an deinem Leben auf so vielfältige Weise teilhaben lässt.

      Liebe Grüsse Sunnyblue
      Sunnyblue NMR seit dem 06.01.04 :D 8) :]