Glückauf - Danke Kumpel

      Glückauf - Danke Kumpel

      Das Ruhrgebiet verabschiedet sich an diesem Wochenende mit mehreren Bürgerfesten vom Steinkohlebergbau. Als stolze Tochter eines ehemaligen Bergmanns berührt mich das schon sehr. Mein Vater war, seitdem er 14 war, ab 1950 45 Jahre Bergmann, also Kumpel. Ich trage heute noch ein in Plexi eingegossenes Stück Steinkohle der RAG am Schlüsselbund, das er mir mal geschenkt hat.

      Im Ruhrgebiet und als Bergmannshaushalts war bei uns vieles vom "Kumpel-Empfinden" Alltag - bis hin zu entsprechenden Traditionen, der Barbara-Statue im Regal und dem Steigerlied. Oder auch, dass bei der Beerdigung meines Onkels, der in der Leitung eines Bergwerks arbeitete, ein Knappenchor sang. Auch der besondere Zusammenhalt, weil man unter Tage einfach bedingungsos aufeinander angewiesen ist, war schon etwas besonderes, was ich von meinem Vater mitbekommen habe. Aber auch solche Dinge, wie die stete Angst meiner Mutter, wenn sich mein Vater beim Heimkommen verspätete. Denn (schwere bis schwerste) Unfälle waren bei dem ohnehin Knochenjob damals leider zwar nicht an der Tagesordnung aber doch regelmäßige Begleiter des Arbeitslebens.

      Der Steinkohle-Bergbau hat nach dem Krieg sicher wesentlich zum wirtschaftlichen Wiederaufbau und -aufstieg beigetragen - deshalb verabschiedet sich an diesem Wochenende das Ruhrgebiet vom Steinkohlebergbau. Im Dezember schließen die letzten Zechen endgültig.

      Und so sag ich auch: Danke Kumpel und Danke Papa - zudem ein bisschen rührselig, da mein Papa auch ziemlich genau vor zwei Jahren gestorben ist...
      Ich bin ja weit weg vom Ruhrgebiet, aber der Flair der Zechen macht sich bei mir immer bemerkbar, wenn ich mal in die Nähe einer komme. Wir waren mal in Zeche Zollverein - sehr interessant und irgendwie fühlt es sich noch nach Zeche an.

      Kürzlich habe ich einen Bericht gesehen, der um die Weiterverwendung der Zechen geht. Das finde ich ziemlich gut, insbesondere natürlich wenn es um die Zeit des Steinkohlebergbaus geht und entsprechend erinnert wird.
      Jedes Ende ist auch ein neuer Anfang....

      Schön, dass Du den Thread eröffnet hast.

      Ich habe in den 90er Jahren im Ruhrgebiet studiert, da war der Steinkohlebergbau schon ganz überwiegend Geschichte und das Ruhrgebiet im sogenannten "Strukturwandel". Allerdings zum Teil ohne eine sinnvolle Perspektive, wohin man denn wandeln könne. Ich habe leider nicht den Eindruck, dass sich seitdem im Ruhrgebiet vieles zum Besseren gewendet hat, auch wenn ich das aus der Entfernung nicht mehr so mitkriege. In den großen Metropolen hat sich schon viel getan, denke ich, aber der Teil des Ruhrgebietes, der von der Einstellung des Steinkohlebergbaus besonders betroffen war, nämlich der nördliche Rand des Ruhrgebietes, der tut sich immer noch ziemlich schwer. Ein bisschen bin ich während des Studiums auch dieser Pottromantik verfallen: von meiner Studentenbude konnte ich damals abends den Himmel rot glühen sehen, wenn im Stahlwerk Phönix in Dortmund-Hörde ein Abstich gemacht wurde. Das war beeindruckend. Heute befindet sich an der Stelle des Stahlwerks ein künstlicher See (Phönixsee), eine der besten Wohnlagen der Stadt, wo die BVB-Profis wohnen. Gerade gibt es sogar eine Fernsehserie mit dem Namen Phönixsee, die dort spielt. Ich habe spannenden Geschichten gelauscht von Leuten, die noch im Bergbau tätig gewesen waren, das ist schon eine beeindruckende Welt für sich gewesen. Ich habe mich schwer getan mit dem Ruhrgebiet, es ist nicht leicht, sich dort wohlzufühlen, wenn man dort nicht aufgewachsen ist, denn wie sang schon Grönemeyer: "Du bis keine Schönheit". Aber dennoch ist es eine tolle Gegend mit netten Menschen und viel rauhem Charme. Mit dem Verlust von Kohle und Stahl ist viel Charakter verlorengegangen, aber es ist natürlich alles richtig so, viel zu lange hat man an einem Dinosaurier herumgedoktert, weil eben so viele Arbeitsplätze daran hingen. Ich wünsche dem Ruhrgebiet, dass es weiterhin neue Wege findet und nicht den alten Zeiten zu sehr nachhängt, denn die sind vorbei.
      rauchfrei seit 17.01.2008 / Umwege erhöhen die Ortskenntnis