Radios

      Ein bisschen komme ich durch Bäumchens Thread drauf und ein bisschen auch, weil ich gestern mal wieder ein Radio getroffen habe. Also einen Menschen, der permanent auf Sendung ist, aber kaum mal auf Empfang. Kennt ihr?

      ich habe gestern in einem Laden eine Frau getroffen, deren Sohn mit meinem in der Grundschule war. Das ist sieben Jahre her und seitdem haben wir uns vielleicht mal auf der Straße gesehen, aber ansonsten haben wir keine weiteren Berührungspunkte und die Jungs sind auch nicht mehr befreundet.

      Was tut tut man in so einer Situation? Man muss Small Talk machen und fragt „Und, wie läuft es bei deinem Sohn?“ und erwartet doch eigentlich ein kurzes „Gut. Der macht jetzt das und das und danach kommt das und das.“ Und damit wäre gut. Aber anscheinend hab ich die falsche Frage gestellt, jedenfalls hat sie mich geschlagene 20 Minuten mit sämtlichen Details aus dem Leben ihres Sohnes zugetextet, mir war schon ganz karusselig im Kopf. Und als sie fertig war, hat sie kurz „Bei euch auch alles gut?“ gefragt und damit war für sie das „Gespröch“ beendet.
      Gruß von Donna
      Youth is wasted on the Young.
      Ich weiß, ich bin ein Schaf, dass dann auch immer brav stehenbleibt und zuhört statt mal zu fragen, warum sie eigentlich denkt, dass ich das so genau wissen will. Aber ich habe den Eindruck, dass es immer mehr Radios gibt.

      Kein Schwein hört mehr zu. Oder erlebt ihr das anders?
      Gruß von Donna
      Youth is wasted on the Young.
      Hm.... schwierig. Weil mein erster Gedanke war: "Aber warum fragst du es denn, wenn du es gar nicht wissen willst?"
      Ich weiß aber ganz genau, was du meinst. Insgesamt, gerade in Zeiten von sozialen Medien, bekommt man mehr erzählt als man eigentlich wissen wollte.
      Ich glaube, dass viele Menschen einfach keinen Smalltalk können. Ich konnte das früher auch nicht, weil es mir niemand beigebracht hat. Ich musste das erst in meinem jetzigen Beruf lernen.
      So habe ich also allen ernstes gedacht, wenn mich jemand fragt, wie es mir geht, will der das auch wirklich wissen. Heute weiß ich, dass es die meisten nicht die Bohne interessiert und antworte was belangloses oder "alles gut".

      Dennoch ist es sicherlich unhöflich und deplaziert, jemanden, den man so lange nicht gesehen hat, die halbe Lebensgeschichte zu erzählen. Ich habe aber auch keine Idee, welche Frage du hättest stellen können, die einerseits höflich ist und andererseits besagt, dass du eigentlich gar nichts wissen möchtest und schon gar nicht detailliert. Vielleicht allenfalls die, die sie dann gestellt hat. Aber ich schätze, das hätte dich auch nicht gerettet.
      Liebe Grüße,
      Schelmine

      Eigentlich bin ich sehr hübsch; das sieht man nur nicht so.
      :zopf
      Ich kann auch nicht wirklich Small Talk. Feste mit vielen Menschen sind mir ein Graus, weil ich nie weiß, was ich sagen soll und weil ich immer denke, dass mein Leben jetzt auch nicht so interessant ist, dass ich es anderen aufs Auge drücken möchte. Den kurzen Small Talk auf der Straße bekomme ich aber leidlich hin und ich gehe echt nicht davon aus, dass je,amd, den ich alle Lichtjahre mal treffe, auf die Frage „Gehts gut?“ hören will, dass mir der Zehnnagel eingewachsen ist und mein Chef ein Depp und die Kinder auch wieder nie das tun, was sie sollten.

      Und dieser Frau konnte ich gestern nicht aus dem Weg gehen. Die arbeitet da, wo ich was abgeholt habe und ich war quasi an den Tresen getackert und hatte nicht das, was ich wollte, weil sie es hatte und klar war, dass sie es erst rausrückt, wenn sie fertig ist. Und ich war mit der nie befreundet oder so.
      Gruß von Donna
      Youth is wasted on the Young.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „Donna Quichote“ ()

      immer auf zwei Mal, weil ich irgendwann immer den Text nicht mehr sehen kann. Egal.

      Jedenfalls ist es doch auch noch was anderes, wenn das eine alte Freundin ist, die man aus den Augen verloren hat, da will ich doch wirklich wissen, wie es bei ihr und ihren Kindern läuft. Aber doch eher nichts wenn ich mit der anderen zufällig mal auf den gleichen Elternabenden saß.

      Mein Nachbar ist auch so. Der hat echt viel Zeit und wenn man Pech hat und ihm in die Arme läuft, dann erzählt der Geschichten, die ich nicht verstehe, in denen kommen Leute vor, die ich nicht kenne und es scheint ihr nicht die Bohne zu interessieren, dass meine Augen immer glasiger werden und meine ganze Körpersprache „Hilfe“ schreit. Ich bin manchmal selbst erstaunt, wenn ich mich da stehen sehe, Brezelarme und schon maximal an den Zaun gedrückt, weil ich nicht mehr weiter zurückweichen kann.
      Gruß von Donna
      Youth is wasted on the Young.

      Donna Quichote schrieb:

      Aber vielleicht bin ich auch einfach nur ein Opfer.

      :rofl

      Entschuldige. Ich weiß, das ist überhaupt nicht lustig, aber jetzt gerade, da so als einzelner Satz, nachdem du dein Leid geklagt hast, musste ich wirklich lachen.

      Ja, ich fürchte, das bist du. Weil du dann einfach zu höflich bist, um zu sagen, dass dich das nicht interessiert. Und da du selbst nicht aus dem Nähkästchen plaudern möchtest, ziehst du das Gespräch natürlich auch nicht auf dich.

      Wie gesagt: im Beruf habe ich das inzwischen richtig gelernt, auch wie man z.B. Kunden davon abhält, sich mit mir in Privatgespräche zu vertiefen. Aber ob man das umsetzen kann im Privatleben?
      Wir haben eine Kollegin, der recht mitteilungsfreudig ist, da weißt du schnell nicht nur, dass sie gerade Antibiotikum nimmt, sondern auch noch, wo sie davon überall eine Pilzinfektion bekommt.
      Und selbst "too much information" tut sie lachend ab, als sei das ein Schenkelklopfer und erzählt munter weiter.

      Echt heikel.
      Liebe Grüße,
      Schelmine

      Eigentlich bin ich sehr hübsch; das sieht man nur nicht so.
      :zopf
      Nun, Smalltalk ist eine Kunst und manche sind da echt gut drin.
      Ich kann das eigentlich auch nicht so gut, weil mir das keinen Spaß macht. So ab und an muss es dann aber sein und meist schlage ich mich da auch ganz tapfer.
      Donna, das lag nicht an Dir sondern an der Dame. Wenn man einen Menschen jahrelang nicht gesehen hat, erzählt man dem nur dann ausführlich seine (oder des Sohnes) Lebensgeschichte, wenn man früher beste Freundinnen war und durch einen herben Schicksalsschlag auseinander gerissen wurde. Ansonsten fasst man bestenfalls im Telegrammstil zusammen. Aber ich glaube, solche gesellschaftlichen Feinheiten werden heute nicht mehr gelehrt.
      Eine mögliche Lösung wäre, den Redeschwall nach ein paar Minuten zu unterbrechen. Dazu eignen sich Niesanfälle (falls Du das kannst), Hustenanfälle oder das (auf Stumm geschaltete) Telefon aus der Tasche ziehen: oh, entschuldige, aber da MUSS ich rangehen. Hat man dann den Schwall unterbrochen und das Heft in der Hand, kann man sowas sagen wie: das ist ja sehr schön, ich muss jetzt allerdings dringend weiter und dabei die Hand nach dem fraglichen Gegenstand ausstrecken.

      Teilweise finde ich die amerikanischen Sitten da klarer und einfacher. Wenn man jemanden trifft sagt man hi, how are you und der andere antwortet thank you I'm good (oder fine). Fertig.
      Liebe Grüße
      Pat

      Everything is going to be fine in the end. If it's not fine it's not the end
      Das mit dem Telefon ist gut. Das mache ich nächstes Mal.

      Den Don habe ich schon so oder so ähnlich vor dem Nachbarn gerettet. Da half manchmal auch nur ein „Kommst du? Essen ist fertig.“, obwohl der Herd komplett kalt war, der ist nämlich auch so ein superhöfliches Opfer.
      Gruß von Donna
      Youth is wasted on the Young.
      "schön dich mal wieder zu sehen" ist eine höfliche Floskel ohne jegliche Aufforderung etwas hören zu wollen. ;) Ansonsten klar sagen, das man noch etwas wichtiges zu erledigen hat und somit kein Zeit hat. Meist sind diese Personen wenigstens nicht nachtragend.

      Für mich ist das wichtig schnell aus so einer Situation zu kommen. Denn wenn mich das nervt, kann ich das schlecht verbergen.
      Neid sieht nur das Blumenbeet, nie den Spaten.
      Meine Radiofreundin mag ich sehr. Wir hatten eine echt lustige Unterhaltung!
      Ich nenne Sie hier Sabine. Sabine und ich waren am telefonieren, während ich am einkaufen war. Ich klemmt mein Smartphone zwischen Schulter und Ohr und lud mir die Einkäufe auf den Arm. Da stand ich nun vor einem Regal, brauchte beide Hände und musste mich strecken. DER Zeitpunkt das Gespräch zu beenden.
      Ich: Sabine, wir müssen jetzt aufhören zu telefonieren, ich muss da ans Regal
      Sabine: laber, laber, laber
      Ich: Sabine hallo, ich muss ans Regal
      Sabine: laber, laber, laber
      Ich: SABIIINE, wir müssen aufhören zu telefonieren
      Sabine: laber, laber, laber
      Ich: ?( steckte mir mein Smartphone in die Hosentasche...JA Sabine war noch dran!!! Ich nahm die Sachen vom Regal, ging zur Kasse, bezahlte, lud meine Einkäufe in die Tasche und machte mich auf den Heimweg. Nach einer geschätzten guten viertel Stunde fiel mir Sabine ein. =O Ups....vergessen.
      Handy aus der Hosentasche genommen, gelauscht ob Sabine noch dran ist????
      Tatsächlich!!
      Sabine: laber, laber, laber :phone
      Ich: =O (die hat das gar nicht gemerkt) :lach
      Sabine: was lachst du denn jetzt so blöd?
      Ich: Oh du bist auf Empfang und hab ihr die ganze Story erzählt.
      Am Ende lachten wir beide. :rofl
      Na toll. Jetzt hast du mich für Radios sensibilisiert Donna (allerdings auch dafür, selbst weniger eins zu sein).
      Heute beim Arzt traf ich eine wirklich weit entfernte Bekannte, die ich vielleicht alle 5 Jahre mal sehe, naja, und was willst du beim Arzt groß fragen außer: "Na, nur mal checken lassen oder ist was akutes?"

      Sie hat Depressionen. Weil im September ihr Onkel gestorben ist. Im Dezember ist ihre Mutter gestürzt und hat einen Oberschenkelbruch. Im Januar hatte irgendjemand einen Schlaganfall (sorry, meine Aufmerksamkeit ließ da etwas nach, weil ich ja auch nicht ohne Grund da beim Arzt saß). Alles lastet an ihr. Und der Pflegedienst..... ich wüsste ja, wie das ist.... und die 40-Stunden-Woche..... naja, und sie nimmt Schlaftabletten, damit sie wenigstens abends schlafen kann.. und Antidepressiva, aber die setzt sie jetzt ab, weil die können ja auch ins Gegenteil umschlagen.
      Auch hier -genau wie bei Donna- die obligatorische Frage: "Und, bei dir alles gut?" Ja klar, ich sitze zum Spaß beim Arzt, eigentlich nur, um mir anderleuts Leidensgeschichten anzuhören.....

      Nein, ich habe kein schlechtes Gewissen, dass ihr das jetzt auch alles wisst. Das ganze gerappelt volle Wartezimmer weiß es ja auch.
      Liebe Grüße,
      Schelmine

      Eigentlich bin ich sehr hübsch; das sieht man nur nicht so.
      :zopf
      richtig, alle wissen es. Das liebe ich ja besonders.
      Wobei ich es immer noch besser finde, wenn sie nur ihre eigenen Geschichten erzählt.
      als ich letztens wegen Nachuntersuchung beim Doc saß hat eine Oma fein säuberlich ihrer Sitznachbarin alles über ihre (nicht anwesende) 21jährige Enkelin erzählt. Die hatte nämlich einen sehr hartnäckigen Scheidenpilz. Und nein, ich wollte das auch durchaus nicht wissen. Und das Ganze auf dem Dorf, wo dann wirklich jeder weiß wer sie ist.
      Liebe Grüße
      Pat

      Everything is going to be fine in the end. If it's not fine it's not the end