Robert Pfaller - Erwachsenensprache (reinkopiert aus "Sachbücher")

      Robert Pfaller - Erwachsenensprache (reinkopiert aus "Sachbücher")

      Habe mir erlaubt, meine Buchkurzvorstellung hier reinzukopieren. Ich halte einfach die Thematik für sehr interessant. Irgendwie nutzt die Kopie die Seitenbreite nicht so recht aus. Seis drum. X(

      Dieses Buch wollte ich gestern schon vorstellen, leider habe ich dabei das Forum schwer verletzt. Beim Abschicken ist es nämlich abgeschmiert. :rotwerd3

      Sehr schwer geschrieben, zum Teil für mich über die Grenze der
      Verständlichkeit hinaus. Dennoch ein m.E. sehr wichtiges Thema. Es
      befasst sich danit, wie durch den Hype um persönliche Empfindsamkeit und
      die Verpflichtung, sowohl sprachlich als auch inhaltlich übersteigerte
      Rücksichten zu nehmen, gesellschaftlicher Diskurs in hohem Ausmaß
      bestimmt wird, worunter die Möglichkeit leidet, sich um wichtige(re)
      Themen zu kümmern.

      Für mich war es sehr wohltuend, eine Stimme aus dem ausdrücklich
      nicht-rechten Lager zu lesen, die sich bsp.weise bezugnehmend auf die
      (grundsätzlich verdienstvolle) #metoo-Debatte auch für die doch
      eigentlich bislang weitgehend akzeptierte Unschuldsvermutung stark
      macht.

      Ein Plädoyer für den "erwachsenen" Diskurs, das jedenfalls zum
      Nachdenken anregt und die Diskussion über politische Korrektheit endlich
      einmal nicht den Dumpfbacken überlässt.

      Auf die Idee zum Buch kam der Autor im Flugzeug, als er beim
      Bordprogramm einen etwas anspruchsvolleren Film auswählen wollte und
      vorher einen Warnhinweis eingeblendet sah, der ihn davor ausdrücklich
      warnte, dass der Film "Erwachsenensprache" enthalte.

      Zitat aus Google Books:

      Überall wird im öffentlichen Diskurs heute auf Befindlichkeiten
      Rücksicht genommen: Es werden vor Gefahren wie »expliziter Sprache«
      gewarnt, Schreibweisen mit Binnen-I empfohlen, dritte Klotüren
      installiert. Es scheint, als habe der Kampf um die korrekte Bezeichnung
      und die Rücksicht auf Fragen der Identität alle anderen Kämpfe
      überlagert.


      Robert Pfaller, Autor des Bestsellers »Wofür es sich zu leben lohnt«,
      fragt sich in »Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und
      Kultur«, wie es gekommen ist, dass wir nicht mehr als Erwachsene
      angesprochen, sondern von der Politik wie Kinder behandelt werden
      wollen. Steckt gar ein Ablenkungsmanöver dahinter? Eine politische
      Strategie? Es geht darum, als mündige Bürger wieder ernst genommen zu
      werden – doch dann sollten wir uns auch als solche ansprechen lassen.


      LG hoboe
      Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better. (Samuel Beckett)

      Ich glaube, ich habe noch nicht ganz kapiert, um was es geht. Es geht letztendlich um political correctness, oder? Und darum, dass sie ab und zu ad absurdum geführt wird. PC drückt sich ja vor allem durch Sprache aus.

      Ich bin da hin und hergerissen. Als Student an einer nordrheinwestfälischen Reformuni in den 90er Jahren bin ich (sogar in einem Ingenieurstudiengang) ziemlich mit dem in Deinem Zitat erwähnten Binnen-I gequält worden. Das ist ja inzwischen schone in alter Hut, nun gibt es schon das Gender-Gap oder Generder-Sternchen oder was auch immer.

      Besonders in Berufen, die öffentlich stark exponiert sind (Politiker zB) ist die Verwendung von Sprache voller Fallstricke. Und bei so manchem medial aufgegriffenen oder auch aufgeblasenen unglücklichen Fall von sprachlicher Dämlichkeit denkt man sich als Normalbürger: Bitte lasst doch die Kirche mal im Dorf.

      Auf der anderen Seite ist die Verwendung von Sprache natürlich immer auch Ausdruck einer Geisteshaltung. Und ich meine jetzt nicht nur extreme Geisteshaltungen rechter Natur, sondern auch einfach ewig Gestrige, aus deren Sprachwervendung klar wird, dass sie mit aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen nicht klar kommen und das, gewollt oder ungewollt, auch sprachlich zum Audruck bringen.

      Und dann noch: den sensiblen Umgang mit Sprache nimmt ja auch jeder anders war. Wenn Du zu einer Minderheit oder gesellschaftlich lange unterdrückten Gruppe gehörst, reagierst Du vielleicht empflindlicher als jemand, der es sein ganzes Leben noch nicht nötig hatte, dieses Thema zu reflektieren. Derjendige denkt dann vielleicht nur: "Stell Dich nicht so an", aber derjendige, den es betrifft, hat vielleicht so manche Verletzung und Ausgrenzung hinter sich und reagiert naturgemäß viel empfindlicher bzw. nimmt sehr dankbar und auch sehr aktiv war, wenn jemand Sprache sehr sensibel verwendet.

      Sprache ist insofern auch immer politisch, bringt gesellschaftlichen Wandel zum Audruck. Ich habe kürzlich mal den Wikipedia-Eintrag zum inzwischen ziemlich verschwundenen Wort "Fräulein" durchgelesen, was wirklich hochinteressant war.

      Die von Dir angesprochene #metoo-Debatte und die Problematik im Zusammenhang mit der Unschuldsvermutung ist mir auch schon mal in den Sinn gekommen. Hier wird die mediale Wirkung genutzt, um ein wichtiges Thema in eine breite gesellschaftliche Diskussion zu bringen. Das ist erstmal gut. Auf der anderen Seite hat das gegenüber den Tätern natürlich etwas mittelalterliches, der Pranger auf dem Marktplatz fällt da ein. Da muss man jetzt nicht umbedingt Mitleid haben, aber was, wenn es in der allgemeinen Hitzigkeit der Debatte mal den Falschen erwischt. Oder wenn jemand, wie Catherine deNeuve, einen nicht Unklugen, aber kritischen Zusatzaspekt in die Diskussion bringt und auf die Gefahr des Totalitären hinweist und dann dafür beschimpft wird. Darüber hinaus hat natürlich die mediale Anprangerung auch Züge von Selbstjustiz, denn gerade Personen des öffentlichen Lebens sind ja dann gesellschaftlich und beruflich gestorben. Auch da wird es brenzlig, wenn es den Falschen trifft.

      Das ist alles nicht ganz leicht, der Grad zwischen wichtiger gesellschaftlicher Debatte und der Übertreibung, des Über-das-Ziel-hinausschießens kann ziemlich schmal sein, auch sprachlich. Insofern würde ich erstmal Milde walten lassen, wenn die eine oder andere sprachliche PC zwar vielleicht etwas lächerlich ist, aber dann auch wieder harmlos. Schlimm hingegen finde ich die Tendenz, dem Gegner das Wort im Mund zu verdrehen. Man sollte sich schon die Zeit nehmen und versuchen, zu vestehen, was der- oder diejenige gemeint hat, denn nicht jeder hat die Möglichkeit, alles geschliffen und ohne anzuecken rüber zu bringen. Und am allerschlimmsten ist für mich zur Zeit die Tendenz, dass die Lüge gesellschaftsfähig wird. Da sehe ich Donald Trump ganz vorne, dessen politsiche Kultur sich von der Ehrlichkeit vollkommen abgewendet hat. Das ist brandgefählich, weil es am Ende eben nicht nur ein Trottel in einer wichtigen politischen Position ist, der schon irgendwann wieder weg geht, sondern er eine Vorbildfunktion innehat, die auf die zukünftige politsiche Kultur nachwirken wird und in der Integrität und Ehrlichkeit dann keine Rolle mehr spielen.

      Und jetzt bin ich nicht sicher, ob dieser Beitrag überhaupt was mit dem zu tun hat, was Du meinst, hoboe :huh:
      rauchfrei seit 17.01.2008 / Umwege erhöhen die Ortskenntnis

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von „lagarto“ ()

      Das ging mir auch durch den Kopf und finde, es ist ein sehr vielfältiges und schwieriges Thema.

      Ich denke beispielsweise nicht, dass jemand, der „Flüchtling“ gesagt hat, mit dem Diminuitiv -ling automatisch eine Abwertung verbunden hat. Über Wortherkunft und ähnliches denken die wenigsten Menschen aktiv nach. Aber anscheinend hat sich der Begriff Flüchtling durch die aktuelle Lage so vernegativiert, dass die Medien jetzt in der Regel von „Geflüchteten“ sprechen. Aber das ist wie bei „Fräulein“. Irgendwie kann man da halt reininterpretieren, dass man jemanden mit einer -lein - ling -chen Endung nicht ganz ernst nimmt.

      Die „Adult Language“, die von so Menschen wie Donald Trump verwendet wird, der mit drastischen klaren Worten schamlos Lügen verbreitet, ist noch mal eine ganz andere Hausnummer. Er arbeitet nach der Devise, dass man Dinge nur oft genug sagen muss, und dann glauben es die Menschen schon.

      Man darf ruhig auch mal Klartext sprechen, solange man dabei nicht beleidigend wird und bei der Wahrheit bleibt.

      AUch im Beruf habe ich die Erfahrung gemacht, dass die Leute Kritik gar nicht verstehen, wenn man es besonders diplomatisch ausdrückt.
      Don't speak unless you can improve the silence.
      Doch doch, Lagarto. Du triffst genau mein Thema. Wobei das Thema deswegen etwas unklar scheint, weil es vor allem mir etwas unklar IST. :/

      Auf der einen Seite habe ich Verständnis für persönliche, zumal auf eigene Erfahrungen gestützte Empfindlichkeiten. Auf der anderen Seite verblassen Inhalte durch die Befürchtung des Äußernden, bestehende Empfindlichkeiten zu verletzen.

      Dein Beispiel, Hanni mit den Flüchtlingen, finde ich sehr passend. Es muss einen gesellschaftlichen Diskurs über den Umgang mit Zuwanderung geben, alleine deswegen, weil es sich um ein in der Bevölkerung stark wahrgenommenes Thema handelt. Wenn ich aber, bevor ich mich mit dem Thema als solchem befasse, erst einmal sämtliche mögliche Verletzlichkeiten berücksichtigen muss, schadet das möglicherweise eben meiner Beschäftigung mit dem Thema selbst. Dies während die andere Seite bedenkenlos lospoltert und sich um das Wort "Flüchtlinge" erst gar keine Gedanken macht.

      "Erwachsenensprache" in diesem Sinne ist dann das, was Du, Hanni, mit "Klartext" bezeichnest. Das ist eigentlich auch das treffendere Wort.

      Irgendwie sehe ich in diesem Punkt einen tiefen Riss im Diskurs. Der gutwillige, selbstkritische, im weitesten Sinne liberale Teil verheddert sich in Debatten über korrekte Umgangsformen, vermeidet "Mansplaining" etc. und der andere haut bedingungslos drauf. Es scheint mir klar, wer eher gehört wird. Und deswegen glaube ich auch, dass sprachliche PC eben doch auch gefährlich sein kann. Der Maßstab dessen, was geht und was nicht geht verschiebt sich auf den Empfängerhorizont. Was persönlichen Empfindlichkeiten widerspricht, soll nicht ausgedrückt werden, so berechtigt oder "objektiv richtig" es im Einzelfall sein mag.

      Kann ich jemanden bspw. für seine Arbeitsweise kritisieren, wenn es diesem damit subjektiv "nicht gut geht", vielleicht wegen früherer Erfahrungen, die diese Person mit Ausgrenzung im Beruf gemacht hat?

      Schwierig auszudrücken, was ich meine, zumal ich mir da selbst vielleicht auch gar nicht sicher bin...

      LG hoboe
      Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better. (Samuel Beckett)

      Also geht die Diskussionkultur gerade in zwei Richtungen: populistischer Haudrauf (mit "alternativen Fakten") zum einen, und differenziernder Gutmensch (mit belegbaren Fakten, die er aber nur dann gerne ausspricht, wenn sie in sein Weltbild passen) zum anderen.

      Wahrscheinlich hast Du recht, wenn Du sagst, dass auch die eigentlich harmlose Gutmenschenvariante gefährlich ist, weil sie nämlich die Haudraufer auf den Plan ruft, die dann die Sehnsucht nach klaren Botschaften (fast egal ob wahr oder gelogen) bedienen.

      Gibt es das denn gar nicht mehr, z.B. als Politiker-Typus, dass jemand Klartext redet, ohne dass ihm der intelektuelle, differenzierende und reflektierende Überbau fehlt?
      rauchfrei seit 17.01.2008 / Umwege erhöhen die Ortskenntnis

      lagarto schrieb:



      Gibt es das denn gar nicht mehr, z.B. als Politiker-Typus, dass jemand Klartext redet, ohne dass ihm der intelektuelle, differenzierende und reflektierende Überbau fehlt?


      Ich fürchte, dieser Typus ist mit z. B. H. Wehner, F.-J. Strauß, H. Geißler ausgestorben. Mein Eindruck ist, dass es um Mainstream geht, nicht um die vielbemühte klare Kante (von der die meisten auch schon runter gefallen sind).

      Vorhin noch im Radio gehört: es wurde ernsthaft diskutiert, ob eine Mohrenapotheke sich umbenennen muss. Was wird aus dem Sarotti-Mohren? Für mich sind das Beispiele dafür, dass (s.o.) "die Kirche im Dorf bleiben soll". Weil die Mohren (= Mauren) z. B. uns das Zahlensystem mitbrachten. Und für mich Verallgemeinerung stattfindet. Warum ist diese eigentlich notwendig? Warum darf ich nicht mehr Negerkuss sagen? Weil ich dann ewig gestrig bin? Oder weil ich noch den Unterschied zu einem Mohrenkopf kennen lernen durfte? :shock Bin ich dadurch schon respektlos? Oder werde ich es eher dann, wenn ich denjenigen direkt so ansprechen würde??? ?(

      Von Berufs wegen komme ich mit Menschen aus allen Kontinenten zusammen, was mir herzlichst egal ist. Wichtig für mich ist, ob er Kompetenz zeigt, empathisch und respektvoll mit seinen Mitmenschen umgeht. Sprache kann, muss aber nicht verletzen.
      :rose Carpe diem! :rose
      Oder:
      Das Leben ist zu kurz für schlechten Wein!