Globalisierung: Verschwörung und Krisenkapitalismus? Ausverkauf des "Kleinen Mannes"? Macht der Konzerne vs. Sozialstaat? Naomi Klein contra Milton Friedman

      Globalisierung: Verschwörung und Krisenkapitalismus? Ausverkauf des "Kleinen Mannes"? Macht der Konzerne vs. Sozialstaat? Naomi Klein contra Milton Friedman

      Hi!

      Wie schon anderenorts geschrieben lese ich/ habe ich gelesen das Buch von Naomi Klein (NK): "The Shock Doctrine". Das legt natürlich nahe, ein wenig über Globalisierung und/oder die Thesen des Buches zu diskutieren. Für alle diejenigen, die das Buch nicht gelesen haben, hier meine Kurzzusammenfassung: Laut NK gibt es eine Gruppe von Ökonomen, Politikern und Potentaten rund um den Nobelpreisträger Milton Friedman , die spätestens seit den 60er Jahren politische, gesellschaftliche oder ökologische Katastrophen und Umwälzungen gezielt ausnutzen, herbeiführen oder in Kauf nehmen, um ein Maximum an unbeschränktem Kapitalismus zum Nachteil von Arbeitern oder Gewerkschaften und zum Nutzen einiger weniger Konzernbesitzern und Machthabern zu etablieren. Dabei gehen Folter, Massenarbeitslosigkeit und Zerschlagung der Gewerkschaften/ Gewerkschaftsführungen mit dieser Praxis Hand-in-Hand. Die Beispiele reichen von den Diktaturen in Südamerika, über das post-kommunistische Polen, Großbritannien unter Thatcher, das Massaker auf dem Platz des Himmlichen Friedens zu Rußland, dem Irakkrieg und der Hurrikane- Katastrophe in New Orleans. In der Summe: Es gibt einen verschwörerischen Plan, den Gemeinnutz und das Soziale abzuschaffen, er wird wenn nötig it Gewalt vorangetrieben und im Zentrum steht Milton Friedman als "Nachfolger" von Adam Smith. Friedman steht für eine Wirtschaftspolitik, die den Staat bis auf die allernotwendigsten Kernaufgaben reduziert (Polizei, Armee, minimale Verwaltung) und alle anderen Dinge (auch Schulbildung, Rente, Krankenversicherung etc. etc.) dem Markt überlässt nach der Maßgabe, dass sich dies selbst durch das Prinzip der Unsichtbaren Hand regelt.

      *im folgenden Posting werde ich genauer auf meine Buchkritik eingehen. Aber die Diskussion darf/ soll ausdrücklich auch über das Buch hinausgehen

      Um es auf den Punkt zu bringen: Ein Hugo Chavez ist - anders als NK dies suggeriert - KEIN Beispiel dafür, wie ein guter Staat zu organisieren ist. Selbst wenn - was ich bestreite - NKs Theorie, dass die Ressourcen eines Staates in die Hände der Gemeinschaft gehören, richtig ist. dann wäre es zum Beispiel bei uns nicht wirklich anwendbar, denn Wissen und Dienstleistungen lassen sich nur schwerlich verstaatlichen.

      Ich denke, dass Deutschland - konträr zu unserer wirtschaftlichen Wirklichkeit - politisch eher einen Hang zum überbordenden, regulierenden Staat hat. Konträr, weil wir eigentlich nicht wirtschaftlich erfolgreich sein können, wenn wir zuvorderst in nationalen Kategorien denken und handeln. Ganz abgesehen vom praktischen Hemmnis, dass wir schon viel zu weit in der Integration der EU verwurzelt sind, um so eine Position überhaupt einzunehmen.

      Was wir allerdings erleben und vielleicht stammt daher bei vielen das Gefühl, Globalisierung sei zerstörerisch oder feindlich, ist ein genereller Umbruch, an dessem Ende wir in weiten Teilen nur noch "High- End"- Produktion und Dienstleistungen betreiben. Für die Mehrheit wird dann der Erfolg im Arbeitsleben von Bildung, Fachausbildung und Veränderungsbereitschaft sowie Weiterbildung abhängen. Ich glaube nicht, dass es möglich sein wird oder sinnvoll, in diesem Umfeld Staat und Wirtschaft an den Möglichkeiten derjenigen auszurichten, die sich mit dieser Veränderung am schwersten tun. Ich halte es auch für eine müßige Debatte, ob diese Prozesse aufzuhalten sind - sie sind es nicht.
      Um es abschließend in einem vereinfachten Bild auszudrücken: In einer Schulklasse kann man sich weder am Lernfähigsten noch am Schwerfälligsten ausrichten - meine Meinung. Man richtet sich an einer für 80% der Schüler machbaren Lerngeschwindigkeit aus und es wird oben und unten jeweils 10% geben, die sich damit abfinden müssen.

      Somit also die Frage(n) an alle: Was haltet ihr - im Folgendem - vom Buch und von den Thesen. Von Globalisierung und ihren Kritikern, zum Beispiel Attac, und allem, was dazugehört. Wohin wird die politische/ gesellschaftliche Reise gehen?


      Gruß,

      Ghost
      Das Schwierige am Diskutieren ist nicht, den eigenen Standpunkt zu verteidigen, sondern ihn zu kennen! [Andre Maurois, frz. Historiker]

      Buchkritik: Naomi Klein: The Shock Doctrine

      Hier noch meine Buchkritik. Wahrscheinlich das Buch der letzten Jahre, welches ich mit den meisten Eselsohren und Randkommentaren versehen habe:

      Mein Fazit zum Buch: Es ist sicherlich ein Lehrstück in Rhetorik und Public Relations, aber selbst ohne wirtschaftswissenschaftliche Kenntnis lassen sich viele Dinge widerlegen. Es ist in meinen Augen der Versuch, sozialistischen Staats- und Marktstrukturen das Wort zu reden, Begriffe, die typischerweise heute mit der Beschreibung der Marktwirtschaft einhergehen zu diskreditieren (Deregulierung, Privatisierung, "Beseitung von Zoll- und Handelsschranken" etc.) und Ökonomen sowie politische und wirtschaftliche Führer insbesondere in den Industrienationen zu dämonisieren. Ihre Kernthese ist: Situationen, in denen die Bevölkerung einem Zustand von "shock and awe" ausgesetzt ist werden rücksichtslos ausgenutzt, "Volkseigentum" zu privatisieren, Gewerkschaftsrechte zu schleifen und Handelsschranken zu beseitigen. Die Folge sind dann Verarmung und Massenarbeitslosigkeit, oft Folter und Staatsgewalt und eine kleine Clique von Gewinnern. Dabei werde, durch den Internationalen Währungsfond (IWF), die Weltbank (alle durchsetzt von Friedmans Schülern) und die großen Industrienationen (insbesondere die USA) solange Inflation und Verfall hochgespielt, bis die Staaten dem Wirtschaftskonzepten folgen.
      Pikanterweise nutzt NK selbst den Effekt von "shock and awe", um ihren Theorien Nachdruck zu verleihen, indem sie das Wirtschaftsmodel Friedmans in den Kontext zur Folter mit Elektroschocks setzt nach dem Motto: Fast überall dort, wo Friedmans Schüler in Verantwortung sind, wird auch durch staatliche/ politische Institutionen - nicht zuletzt der CIA - mit Elektroschocks gefoltert, und zwar insbesondere alle diejenigen, die sich gegen die Friedmanschüler wehren.

      Obwohl sich diese Thesen also überhaupt nicht mit meinem Verständnis in Einklang bringen lassen (und mich in Teilen eher an "Fletchers Visionen" erinnern) finde ich es aus drei Gründen interessant:
      1.) NK gilt - ein wenig übersptitz ausgedrückt - als Prophetin der Globalisierungskritiker und ich wollte wissen, was Menschen, die bei jedem G8 Gipfel aktiv werden, eigentlich wollen und wie ihr Gegenmodel aussieht. Letztlich bin ich beruhigt, dass ich keine tiefergehenden ökonomischen Kenntnisse brauche, um die Schwachstellen in den Argumenten zu finden.
      2.) Hat es mir gezeigt, dass auf beiden Seiten des politischen Spektrums symptomatisch derselbe Argumentationsansatz steht: Ob es nun um die politisch rechten Sicherheitsgesetze geht oder um hier um die politisch linke Umverteilung innerhalb einer Gesellschaft: Es werden Ängste aufgegriffen, katalysiert und dann "stammtischgerecht" propagiert/ skandalisiert. Sachlich ist es aber auf keiner Seite und beide Seiten glauben zu wissen, was genau die Wähler mandatiert hatten, und was nicht (überflüssig zu sagen, dass es NIE funktionieren wird, die Stimme eines Wählers dafür zu bekommen, dass man ihm signifikante Einbußen abfordert).
      3.) Finde ich es insbesondere wegen 2.) brandgefährlich, insbesondere wenn ich sehe, dass bei uns Leute wie Sarah Wagenknecht aber auch Oskar Lafontaine oder Gruppen wie Attac damit Zustimmung erhalten. Außerdem wirft es eine entscheidende Frage auf: Wenn die Argumentation solche Schwachstellen hat, dann müssen die Protagonisten dieser Bewegung doch andere Ziele haben, denn ich möchte deren Intelligenz und Wissen nicht unterschätzen.

      Zwei besonders deutliche Widersprüche, die sich durch fast alle ihre Fallbeispiele ziehen sind:
      A) Am Ausgangspunkt stehen Staaten mit einer weitestgehend sozialistischen Ordnung, die scheitern und unter immenser Inflation handlungsunfähig sind, worüber die Regierungen und meist auch Staatsordnungen - oft gewaltsam - enden. In der Folge wird das alte/ gescheiterte Wirtschaftsmodel aufgelöst und an die Strukturen der Industrienationen angepasst und die Inflation gestoppt. Dabei fallen auch die sozialistischen Strukturen, die einfach nicht haltbar sind, zum Beispiel staatlich festgesetzte Preise für verschiedene Produkte. Vormalige Staatsbetriebe wie Banken, Rohstoff- und Agrarindustrie werden privatisiert. Auch wahr ist, dass aufgrund dieser Maßnahmen die staatlich organisierte Vollbeschäftigung endet und aufgrund der hohen Staatsverschuldung (aus dem Vorgängerregime) wenig bis keine soziale Sicherung mehr existent ist, vor allem aber überbordende "Ansprüche" aus dem alten System verfallen. M.E. muss dieser wirtschaftliche Aspekt aber - in der Wertung, ob er folgerichtig oder falsch ist - losgelöst von der Regimefrage (Diktatur/ Demokratie) und ihren Methoden sehen muss. Sprich: Nur weil Pinochet folterte und mordete oder Günstlinge an verschiedenen Stellen einsetzte bedeutet das nicht automatisch, dass eine freiere Wirtschaftsordnung auch ein Terrorregime ist. Noch weniger kann es ein Rezept sein, wie NK dies tut, anzuprangern, dass die Wirtschaftsnationen nicht automatisch bereit sind, alle Schulden zu erlassen oder gar das sozialistische System finanziell zu stützen. Und kann das Rezept sein, so hart dies für viele in diesen Staaten ist/ war, zurückzukehren zu einem System, das schoneinmal grandios gescheitert ist?
      B) Selbst NK sagt, dass Demokratie, und damit die Notwendigkeit einen Ausgleich zwischen den Vielen "Normalsterblichen" und den wenigen "Wirtschaftsbossen" genau das Element ist, was einen Manchesterliberalismus verhindert. Die jüngste Wirtschaftsgeschichte weckt zumindest in mir auch nicht das Vertrauen, dass gewählte Volksvertreter an wirtschaftlichen Knotenpunkten ein echter Gewinn sind (gell, Herr Huber?). Und zwei, drei implizite Utopien glaube ich nicht: Zunächst, dass es sich bei den "Friedmanianern" um eine weltweit operierende Gruppe mit Freimauerercharakter handelt. Oder das eine nationalstaatliche Bewegung zu Sozialismus und Volkseigentum wegweisend ist. Noch weniger, dass ein globaler Sozialismus sinnvoll oder möglich ist.

      Gruß,

      Ghost
      Das Schwierige am Diskutieren ist nicht, den eigenen Standpunkt zu verteidigen, sondern ihn zu kennen! [Andre Maurois, frz. Historiker]