Michael Moore: Yes, we can!

      Michael Moore: Yes, we can!

      Mir ist vor ein paar Tagen mal wieder ein Buch "in die Hände gefallen", plötzlich und unerwartet. :D Und da das Verfallsdatum gleich erreicht ist, will ich schnell noch ein wenig darüber berichten:

      Michael Moore: Yes, we can! - Mikes ultimativer Wahlführer. München/Zürich 2008. ISBN 978-3-492-05298-6, € 10,00 [D]

      "Yes, we can!" - :nachdenk von wem nur haben wir diesen Spruch schon einmal gehört? :idee

      Klarer Fall, bei diesem Buch handelt es sich um pure Wahlkampfpropaganda für Barack Obama. Genau genommen ist das Buch in Deutschland sogar fehl am Platze (obwohl der amerikanische Wahlkampf ja bis zur Berliner Siegessäule ausgedehnt wurde 8|), es wendet sich eindeutig an amerikanische Leser, und zwar in erster Linie an Obama-Anhänger, die MM veranlassen möchte, ihren Kandidaten nicht nur zu wählen, sondern sich aktiv am Wahlkampf zu beteiligen - ganz praktisch: sich auf der Wahlkampfseite der Demokraten (actblue.com) umschauen, wo und in welcher Form man sich als Wahlhelfer nützlich machen kann. 100 Leute anrufen und überzeugen, daß Obama die richtige Wahl ist. Für drei Wochen in einen anderen Wahlkreis gehen, in dem noch Unterstützung benötigt wird (was für normale Arbeitnehmer schwierig sein dürfte) ...

      Dabei ist es nicht so, daß die Demokraten nicht auch ihr Fett wegkriegten (die Republikaner natürlich sowieso :mua): sie würden zu viele Konzessionen an republikanische Kreise machen, um in deren Reihen Wähler zu gewinnen. Und zwar vergeblich. Denn warum sollten die nicht gleich das Original wählen? Dieser Vorwurf (insbesondere, den Irak-Krieg befürwortet zu haben) trifft insbesondere Hillary Clinton, die zum Zeitpunkt der Bucherscheinung bereits aus dem Rennen war. Aber auch sonst hegt MM die Befürchtung, "daß die Demokraten wieder alles vermasseln". (Siehe Kapitel TWO: Wie man John McCain an die Macht bringt. Oder: Wie viele Demokraten braucht man, um die am leichtesten zu gewinnende Präsidentschaftswahl in der amerikanischen Geschichte zu verlieren?)

      Am interessantesten für den nicht-amerikanischen Leser dürften außer dem erwähnten Kapitel TWO die Kapitel THREE (Zehn Erlasse des Präsidenten für seine ersten zehn Tage) und FOUR (Sechs bescheidene Vorschläge zur Reparatur unseres desolaten Wahlsystems) sein - letzteres, weil sich einem angesichts amerikanischer Verhältnisse wieder einmal die europäischen Nackenhaare sträuben. So erhebt er u.a. die Forderungen: "Alle Wahlen müssen am Wochenende stattfinden!", "Jeder Bürger ist automatisch registrierter Wähler!" (was er in den USA eben nicht ist :shock), "Verwenden Sie Stimmzettel aus Papier und einen Bleistift!" (wegen der Fehleranfälligkeit/Manipulierbarkeit von Automaten und Lochkarten) ... "Öffentliche Finanzierung, freie Sendezeit und Ausgabenbeschränkung für alle Politiker".

      Unter den zehn Erlassen steht an erster Stelle die Forderung: "1. Führen Sie die Wehrpflicht wieder ein." Und zwar für die 18- bis 26-jährigen Abkömmlinge der 5 Prozent der Reichsten im Lande. Die Menge entspräche ziemlich genau der jetzigen Truppenstärke. Und die Auswahl, ist MM überzeugt, würde dazu führen, dass Kriege nur noch geführt werden, wenn Amerika wirklich ernsthaft bedroht ist. - "8. Sorgen Sie dafür, dass das soziale Sicherungssystem für 100 Jahre finanziert ist, indem Sie den Reichen einen fairen Anteil abknöpfen." Konkret ist damit gemeint, daß alle auf ihren gesamten Verdienst die 6,2 Prozent Sozialversicherungssteuer zahlen sollen, und nicht wie jetzt auf höchstens 100.000 Dollar ihres Jahresverdienstes, so daß bei einem (einfachen) Millionär 90% steuerfrei bleiben.

      In Kapitel FIVE fordert MM, ganz himself :-D, Bush und seine "Politikerclique" zu seinem Amtsende am 20. Januar 2009 abzuführen und sie vor Gericht zu stellen, "allein deshalb, weil wir uns die Frage stellen müssen, ob wir ein Rechtsstaat sind oder nicht ... weil Kapitalverbrechen wie die von ihnen verübten nie wieder geschehen dürfen. ... Was sind wir noch, wenn wir für das, was recht, gut und richtig ist, nicht mehr einstehen? Können wir tiefer sinken?"

      In Kapitel SIX schließlich, "Mikes praktischer Kandidaten-Guide" (ca. ein Drittel des Buches) macht MM darauf aufmerksam, daß es, egal wer ins Weiße Haus einzieht, darauf ankommt, wer den Kongreß kontrolliert. Und so macht er 12 Senatoren- und 30 Abgeordnetensitze aus, die die Demokraten realistischerweise "holen" könnten.

      Alles in allem ein echter MM, frech, witzig, polemisch, zuweilen völlig überspitzt (nicht immer läßt sich die Grenze zwischen Ernst und Satire eindeutig ausmachen) und nicht ganz auf der Höhe seiner anderen Bücher - aber nett zu lesen. (Daß der Piper-Verlag meinte, das Buch auch noch auf den deutschen Markt bringen zu müssen - nun ja ... ;-)) Am kommenden Dienstag ist eh alles vorbei, dann sehen wir weiter. Und egal, wer Präsident wird, ich freue mich schon auf den nächsten MM. :devil

      Unser Wissen ist ein kritisches Raten; ein Netz von Hypothesen; ein Gewebe von Vermutungen!
      Karl Popper